Erzählen im Glashaus – Zu Besuch beim Transformatorenwerk Leipzig
Später April – Sonnenschein und kalter Wind. Wir stehen vor der alten Glasfabrik in Leipzig. Heute Nachmittag trifft sich das Erzählcaféteam des Transformatorenwerks Leipzig zu einem internen Probe-Erzählcafé und Austausch.

Von Natalie Freitag, Regionalkoordinatorin Deutsche Schweiz
Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz hat eine grosse Strahlkraft. Regelmässig sind bei unseren Zoom-Kursen und Austauschtreffen Menschen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, manchmal sogar aus der Türkei und von den kanarischen Inseln mit dabei. 2021 ist auch Cornelia Rank auf unser Netzwerk aufmerksam geworden und hat das Erzählcafé nach Dresden und Leipzig gebracht. Durch die regelmässigen Stammtische per Zoom entstand ein reger Austausch und ich wurde zu einem Besuch eingeladen – so fuhr ich Ende April 2026 die 700 Kilometer von St. Gallen nach Leipzig.
Das Transformatorenwerk ist aus der philosophischen Praxis entstanden. Cornelia Rank wollte diese erweitern und das Erzählen zu den Menschen bringen. Oder die Menschen zum Erzählen. Von sich, von ihren Geschichten, von ihrem Leben. So hat sie begonnen, Erzählcafé anzubieten und im Laufe der Zeit konnte sie weitere fünf Personen für die Moderation gewinnen, die sich vertieft mit ihrer Rolle als Moderator*in auseinandersetzen.
So auch heute Nachmittag. In der alten Glasfabrik ist ein Ort entstanden, der zur Begegnung einlädt. Aufgebrochener Betonboden, auf dem wieder Bäume und Pflanzen wachsen, eine Küche, Sitzgelegenheiten und sogar eine Sauna – es gibt so vieles zu entdecken. Wir setzen uns ins Glashaus – ein Raum im Raum – es gibt schon einmal Kaffee und Tee. Der Kuchen muss bis zum zweiten Teil warten.
Für heute wurde das Thema «Würde» gewählt. Als Anregung hat die Moderatorin viele Bilder und auch Wörter aus Zeitschriften ausgeschnitten. Wir sehen sie uns an und gehen im Raum herum. Was hat dieser Ort, diese Bilder für mich mit «Würde» zu tun? Leitfragen werden gestellt. Wir erzählen unsere Geschichten zu «Würde». Das Thema regt zum Nachdenken an. Über die eigene Würde, was wir würdigen, wann wir auch entwürdigende Situationen erlebt haben. Die Zeit verfliegt, die kleine Gruppe rückt näher zusammen – das Thema und unsere Geschichten verbinden uns.
Im Anschluss wird bei Kaffee und Kuchen darüber reflektiert, wie das Erzählcafé erlebt von Teilnehmenden und von der Moderatorin wurde, die es zum ersten Mal geleitet hatte und sehr nervös war – und jetzt erleichtert und auch beglückt, da das Thema und die Geschichten berührend waren. Moderatorin sein braucht Achtsamkeit, ein Gespür für den Moment und eine Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was jetzt gerade ist.
Wir setzen uns an die Sonne, die nächsten Events werden geplant, die Motivation ist hoch und die Zusammenarbeit eine Freude. Wie schön, dass das Erzählcafé Menschen zusammenbringt. Über Grenzen, Kulturen und Generationen hinweg und Verständnis schafft! Auch von St. Gallen nach Leipzig, in diese Stadt, an diesen Ort, an dem vieles immer noch aufbricht, sich weiter wandelt und Geschichten helfen, sich zu erinnern, zu heilen und sich weiterzuentwickeln.
Informationen zum Ort und zum Transformatorenwerk Leipzig