Intervision 2025: Wie finden wir Teilnehmende für unser Erzählcafé?
Am 22. November 2025 trafen sich in Olten Moderierende zur Intervision #10. Kaffee und Gipfeli standen bereit, die Stimmung war offen – und schnell wurde klar: Diese Frage beschäftigt viele.
Der Einstieg war ebenso schlicht wie wirkungsvoll. «Was verbindest du mit dem Wort Winter?», fragte unsere Regionalkoordinatorin Natalie Freitag in die Runde. Die Antworten: persönlich, überraschend, manchmal heiter. Genau so, wie es in einem Erzählcafé sein soll. Anschliessend stellte die Co-Moderierende Katrin Oplatka theaterpädagogische Elemente vor. Darunter «Lüge oder Wahrheit», soziometrische Fragen und das Vorstellen anhand des Schlüsselbunds: «Der erzählt mehr über uns, als wir denken.»
Besonders treffend brachte ein kurzer Sketch das Thema auf den Punkt: Natalie bereitet ein Erzählcafé vor, Katrin zögert. Wer kommt da eigentlich? Muss ich etwas besonders Kluges sagen? Ich kenne ja niemanden… Die Szene sorgte für Lachen – und für Wiedererkennen. Kurz: genau die Hürden, die viele kennen.
In der anschliessenden Diskussion wurde gesammelt, was Menschen bewegt, zu kommen – oder eben nicht. Es zeigte sich: Oft sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen: Eine persönliche Einladung wirkt stärker als jeder Flyer. Wer jemanden mitnimmt, senkt die Hürde erheblich. Regelmässigkeit schafft Vertrauen, ein interessantes Thema weckt Neugier, und das Gefühl, dass sich die Teilnahme lohnt, entscheidet oft über Teilnahme oder Absage. Gleichzeitig können Unsicherheiten bremsen: Passe ich hier rein? Kenne ich jemanden? Auch Faktoren wie Zeitpunkt, Ort oder ein voller Kalender spielen mit. Und ja – sogar der Name «Erzählcafé» kann je nach Ohr eher an Therapie oder Stuhlkreis im Gemeindesaal als an lebendigen Austausch erinnern.
Neben der Analyse der Hürden kamen auch viele konkrete Ideen zusammen, um Teilnehmende zu gewinnen: Kooperationen mit starken Partnerorganisationen wurden als besonders wirksam genannt. Ebenso wichtig: verschiedene Kanäle zur Werbung nutzen, von persönlicher Ansprache über Newsletter, Whatsapp-Status bis hin zu lokalen Medien wie Gemeinde- oder Kirchenblättern. Und immer wieder fiel ein Wort: dranbleiben. Denn Vertrauen und Bekanntheit entstehen nicht über Nacht. Ein Impuls von Gert Dressel aus Wien brachte es zusätzlich auf den Punkt: «Ort und Zeit entscheiden oft mehr als das Thema.»
Yves Oesch, einer der Teilnehmenden, hat mit Hilfe von KI eine unkonventionelle Ideenkiste zusammengestellt. Ungewöhnliche Settings bleiben hängen – ob in der Waschküche (Thema «Waschplan-Dramen»), im Recyclinghof zwischen Altglas-Containern oder sogar auf der Parkbank oder im Zugabteil mit dem Motto «Kaffee gegen Geschichte». Solche Orte holen die Menschen genau dort ab, wo sie ohnehin sind – oder überraschen sie bewusst. Kreative Ideen für die Werbung reichten von Flaschenpost-Einladungen in Brunnen über Glückskekse mit Einladungszettelchen beim Bäcker bis hin zu alten Postkarten im Briefkasten. Besonders charmant: Lesezeichen mit Einladung, versteckt in passenden Büchern in der Bibliothek – dort, wo die Zielgruppe ohnehin schmökert. Die gemeinsame Erkenntnis: Wer Menschen erreichen will, darf ruhig ungewöhnlich denken – und ihnen mit einem Augenzwinkern begegnen.
Spannend war auch der Gedanke, das Format sprachlich etwas zu öffnen. Muss es immer «Erzählcafé» heissen? Oder erreicht man unter einer anderen Bezeichnung vielleicht neue Menschen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen? Yves Oesch schlägt deshalb Alternativen als Aufhänger vor: «Salon für Alltagsgeschichten», «Feierabend-Talk» oder «Anekdoten-Stammtisch». Die Methode selbst bleibt dabei unverändert: ein moderierter Raum, in dem Menschen ihre persönlichen Geschichten teilen – freiwillig, wertschätzend und ohne Bewertung. Und genau darin liegt ihre Stärke: Menschen kommen nicht, weil sie müssen – sondern weil sie etwas zu erzählen haben.