Neues Buch: Lebensgeschichten bewahren und weitergeben
Evelyne Mertens, Koordinatorin des Vereins Netzwerk Erzählcafé für die Romandie und Moderatorin von Erzählcafés, hat ein Buch veröffentlicht: «L’héritage des mots. Guide pratique pour écrire la vie d’une personne âgée» (Das Vermächtnis der Worte. Ein praktischer Leitfaden, um die Lebensgeschichte eines älteren Menschen festzuhalten).

Von Evelyne Mertens, Regionalkoordinatorin Romandie
Der Leitfaden richtet sich an alle, die die Geschichte eines Elternteils, einer Grossmutter, eines Grossvaters oder eines anderen nahestehenden Menschen festhalten und erzählen möchten. Schritt für Schritt zeigt er einen konkreten Weg auf: den Rahmen der Erzählung abstecken, Gespräche vorbereiten, Material zusammentragen, strukturieren, schreiben und überarbeiten. Evelyne Mertens ist seit 2018 im Bereich biografisches Schreiben tätig und Mitbegründerin des Collectif Histoires & Vies. Im Buch gibt sie ihre Erfahrungen aus der Begleitung von Dutzenden Menschen beim Schreiben ihrer Lebensgeschichte weiter.
Das Buch greift auch einen Gedanken auf, der allen vertraut sein dürfte, die Erzählcafés moderieren: Sich dafür zu entscheiden, von sich zu erzählen, ist bereits eine Form der Positionierung. Gleich im ersten Kapitel erinnert Evelyne Mertens daran, dass das Alter einer Person keineswegs die Fähigkeit nimmt, «sich bruchstückhaft zu erinnern, dem gegenwärtigen Moment einen Sinn zu geben und zur eigenen Vergangenheit Stellung zu beziehen». Damit widerspricht sie der verbreiteten Vorstellung eines altersbedingten Abbaus, der alles auslösche.
Auch eine einmal erteilte Zustimmung gilt nicht für immer, schreibt sie an anderer Stelle. Eine Person kann heute bereit sein zu erzählen und es sich morgen anders überlegen. Das Recht, die Zustimmung zurückzuziehen, gehört zum Prozess und ist kein Hindernis. Genau dieses Prinzip gilt auch im Erzählcafé: Das Erzählen ist freiwillig. Niemand ist verpflichtet, etwas zu erzählen. Wer sich aber dafür entscheidet, wählt in diesem Moment bewusst das Wort und verschafft sich mit dem eigenen Erzählen Gehör.
Der Leitfaden beschreibt drei Haltungen für Menschen, die eine Lebensgeschichte festhalten: Forscherin, Archivarin und Erzählerin. Dabei begegnen uns Grundsätze, die auch ein gut moderiertes Erzählcafé auszeichnen: die erzählte Geschichte nicht beurteilen; Ressourcen und Fähigkeiten in den Vordergrund stellen, nicht Verluste; die subjektive Realität jedes Menschen respektieren, so schmerzhaft sie auch sein mag; und eine echte, immer wieder erneuerte Zustimmung einholen, die niemals im Namen einer «Pflicht des Erinnerns» erzwungen wird.
Ein ganzes Kapitel widmet sich zudem der Weitergabe zwischen den Generationen: Wie wird die Erzählung eines älteren Menschen zu einem Orientierungspunkt für nachfolgende Generationen? Wie kann aus einer individuellen Erfahrung ein gemeinsames Erbe entstehen?
«L’héritage des mots» richtet sich nicht nur an Familien. Auch Moderierende biografischer Schreibateliers sowie Personen, die in einer Institution ein Projekt zur biografischen Erinnerungsarbeit durchführen, finden darin konkrete Anregungen und praktische Übungen – statt reiner Theorie.
Zwei Stimmen zu einem Thema
Das Thema Lebensgeschichten älterer Menschen beschäftigt auch das Netzwerk Erzählcafé schon seit Langem. Neben Evelyne Mertens hat sich auch Anne-Marie Nicole, mit der sie gemeinsam das Netzwerk koordiniert, publizistisch damit auseinandergesetzt: Sie wirkte am Sammelband «Le récit de vie de la personne âgée en institution» (herausgegeben von Catherine Schmutz-Brun, Erès, 2019) mit.
Die beiden Publikationen beleuchten das Thema aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven: Der Sammelband bietet Fachpersonen und Institutionen einen Rahmen für die biografische Arbeit mit älteren Menschen. «L’héritage des mots» wiederum vermittelt eine leicht zugängliche Methode für alle, die im familiären Umfeld die Lebensgeschichte eines nahestehenden Menschen festhalten möchten.
Zwei unterschiedliche Zugänge, getragen von derselben Überzeugung, die das Netzwerk seit seinen Anfängen prägt: Was ältere Menschen zu erzählen haben, verdient Gehör – ob am Küchentisch zu Hause oder im Gemeinschaftsraum einer Institution.
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