Am 16. März 2026 fand in Zürich die Mitgliederversammlung des Vereins Netzwerk Erzählcafé statt. Neben den normalen Vereinsgeschäften gab es auch einige Verabschiedungen und Begrüssungen.

 

Im Protokoll der Mitgliederversammlung sind alle Entscheide nachzulesen. Die Anwesenden genehmigten die Jahresrechnung und den Jahresbericht. Er gibt Einblick in die verschiedenen Aktivitäten des letzten Jahres.

Im Vorstand kommt es zu einem Wechsel: Wir verabschieden uns von Emmanuelle Ryser und danken ihr herzlich für ihr engagiertes Mitwirken im Netzwerk. Neu in den Vorstand gewählt wurde Pascale Ernst. Als ausgebildete Sozialpädagogin arbeitet sie seit fast 30 Jahren im Bereich Sucht. Als Praktikerin in der Arbeit mit Lebensgeschichten hat sie zudem das Schreibatelier «Cailloux Blancs» ins Leben gerufen. Am Format Erzählcafé schätzt die Verbindung von Tiefe im Austausch und einer gleichzeitig niederschwelligen, zugänglichen Form.

Auch in der Regionalkoordination gibt es Veränderungen. Im Tessin verabschieden wir uns nach fünf Jahren von Valentina Palluccha – mit grossem Dank für ihre Aufbauarbeit und ihr Engagement. Ihre Nachfolge übernimmt Chiara Bramani. Sie lebt mit ihrer Familie in Mendrisio und bringt eine klare Haltung mit: Begegnung, Austausch und das Teilen von Geschichten gehören für sie zu den wertvollsten Momenten des Alltags. Oder, wie sie es formuliert: «Geteilte Worte geben dem Alltag Geschmack und öffnen neue Perspektiven.» In der Romandie übernimmt Evelyne Mertens die Regionalkoordination von Anne-Marie Nicole. Evelyne war bisher im Projekt «Bibliotheken» tätig und ist mit dem Netzwerk bestens vertraut. Anne-Marie Nicole bleibt dem Netzwerk erhalten und wird sich weiterhin dem Bereich «Erzählcafés im Alter» widmen.

Ein wichtiges Thema für das Netzwerk ist die laufende Mitgliederumfrage. Sie greift zentrale Fragen auf: Welche Angebote sind relevant? Was erleichtert die Teilnahme? Über welche Kanäle erreichen wir unsere Mitglieder? Die Rückmeldungen helfen, das Netzwerk gezielt weiterzuentwickeln und bestehende Angebote zu schärfen.

Das Netzwerk Erzählcafé bleibt in Bewegung – getragen von engagierten Menschen, neuen Impulsen und dem gemeinsamen Interesse an guten Gesprächen.

Wer sich einbringen möchte, ist herzlich eingeladen, mitzudenken, mitzugestalten und mitzuerzählen

Wie lassen sich gute Leitfragen für ein Erzählcafé effizient entwickeln – ohne dabei an Tiefe zu verlieren? Dieser Beitrag zeigt, wie ein KI-gestützter Workflow genau dabei unterstützen kann: Mit präzisen Prompts entstehen strukturierte, offene Fragen, die Erinnerungen wecken und zum Erzählen einladen.

 

Von Doris Kaufmann, Erzählcafémoderatorin in Luzern

Im Zentrum steht eine einfache, aber wirkungsvolle Idee: Die KI erstellt auf Basis eines Themas – etwa «Freizeitgestaltung im Wandel der Zeit» – eine Sammlung von Leitfragen, gegliedert in die drei Zeitebenen früher, heute und in der Zukunft. Dabei werden unterschiedliche Dimensionen wie Beziehungen, Gefühle oder gesellschaftliche Veränderungen mitgedacht. Der Fokus liegt bewusst auf einer wertschätzenden, klaren Sprache und auf offenen Fragen, die persönliche Geschichten ermöglichen.

Die Prompts dienen dabei als Ausgangspunkt, nicht als fertiges Produkt. Die generierten Fragen sollten immer geprüft, ausgewählt und bei Bedarf angepasst werden. Gleichzeitig liefern sie Inspiration und erleichtern den Einstieg in die Vorbereitung erheblich.

Ergänzend nutze ich einen zweistufigen Ansatz zur Bildgenerierung für Flyer oder Beiträge. Anstatt direkt ein Bild zu erstellen, wird zunächst ein detaillierter Bild-Prompt durch einen Chatbot formuliert – idealerweise auf Englisch, da viele Bildgeneratoren damit präzisere Resultate liefern. Dieser Prompt wird anschliessend in ein entsprechendes Tool eingefügt und erzeugt Bilder mit stimmiger Atmosphäre, die das Thema visuell unterstützen. Entscheidend sind dabei Aspekte wie Licht, Stimmung, Personen und kleine Details, die das Erzählen greifbar machen.

Der gesamte Workflow verfolgt ein klares Ziel: Mit Hilfe von KI die Vorbereitung zu erleichtern – ohne die Qualität der Begegnung zu verlieren. Denn letztlich geht es im Erzählcafé immer darum, Raum zu schaffen für persönliche Erinnerungen, lebendige Geschichten und echte Verbindungen.

Wer den Ansatz ausprobieren möchte, findet in meinem Originalbeitrag eine konkrete Prompt-Vorlage sowie weiterführende Hinweise zu Tools und Anwendung.

Am 22. November 2025 trafen sich in Olten Moderierende zur Intervision #10. Kaffee und Gipfeli standen bereit, die Stimmung war offen – und schnell wurde klar: Diese Frage beschäftigt viele.

 

Der Einstieg war ebenso schlicht wie wirkungsvoll. «Was verbindest du mit dem Wort Winter?», fragte unsere Regionalkoordinatorin Natalie Freitag in die Runde. Die Antworten: persönlich, überraschend, manchmal heiter. Genau so, wie es in einem Erzählcafé sein soll. Anschliessend stellte die Co-Moderierende Katrin Oplatka theaterpädagogische Elemente vor. Darunter «Lüge oder Wahrheit», soziometrische Fragen und das Vorstellen anhand des Schlüsselbunds: «Der erzählt mehr über uns, als wir denken.»

Besonders treffend brachte ein kurzer Sketch das Thema auf den Punkt: Natalie bereitet ein Erzählcafé vor, Katrin zögert. Wer kommt da eigentlich? Muss ich etwas besonders Kluges sagen? Ich kenne ja niemanden… Die Szene sorgte für Lachen – und für Wiedererkennen. Kurz: genau die Hürden, die viele kennen.

In der anschliessenden Diskussion wurde gesammelt, was Menschen bewegt, zu kommen – oder eben nicht. Es zeigte sich: Oft sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen: Eine persönliche Einladung wirkt stärker als jeder Flyer. Wer jemanden mitnimmt, senkt die Hürde erheblich. Regelmässigkeit schafft Vertrauen, ein interessantes Thema weckt Neugier, und das Gefühl, dass sich die Teilnahme lohnt, entscheidet oft über Teilnahme oder Absage. Gleichzeitig können Unsicherheiten bremsen: Passe ich hier rein? Kenne ich jemanden? Auch Faktoren wie Zeitpunkt, Ort oder ein voller Kalender spielen mit. Und ja – sogar der Name «Erzählcafé» kann je nach Ohr eher an Therapie oder Stuhlkreis im Gemeindesaal als an lebendigen Austausch erinnern.

Neben der Analyse der Hürden kamen auch viele konkrete Ideen zusammen, um Teilnehmende zu gewinnen: Kooperationen mit starken Partnerorganisationen wurden als besonders wirksam genannt. Ebenso wichtig: verschiedene Kanäle zur Werbung nutzen, von persönlicher Ansprache über Newsletter, Whatsapp-Status bis hin zu lokalen Medien wie Gemeinde- oder Kirchenblättern. Und immer wieder fiel ein Wort: dranbleiben. Denn Vertrauen und Bekanntheit entstehen nicht über Nacht. Ein Impuls von Gert Dressel aus Wien brachte es zusätzlich auf den Punkt: «Ort und Zeit entscheiden oft mehr als das Thema.»

Yves Oesch, einer der Teilnehmenden, hat mit Hilfe von KI eine unkonventionelle Ideenkiste zusammengestellt. Ungewöhnliche Settings bleiben hängen – ob in der Waschküche (Thema «Waschplan-Dramen»), im Recyclinghof zwischen Altglas-Containern oder sogar auf der Parkbank oder im Zugabteil mit dem Motto «Kaffee gegen Geschichte». Solche Orte holen die Menschen genau dort ab, wo sie ohnehin sind – oder überraschen sie bewusst. Kreative Ideen für die Werbung reichten von Flaschenpost-Einladungen in Brunnen über Glückskekse mit Einladungszettelchen beim Bäcker bis hin zu alten Postkarten im Briefkasten. Besonders charmant: Lesezeichen mit Einladung, versteckt in passenden Büchern in der Bibliothek – dort, wo die Zielgruppe ohnehin schmökert. Die gemeinsame Erkenntnis: Wer Menschen erreichen will, darf ruhig ungewöhnlich denken – und ihnen mit einem Augenzwinkern begegnen.

Spannend war auch der Gedanke, das Format sprachlich etwas zu öffnen. Muss es immer «Erzählcafé» heissen? Oder erreicht man unter einer anderen Bezeichnung vielleicht neue Menschen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen? Yves Oesch schlägt deshalb Alternativen als Aufhänger vor: «Salon für Alltagsgeschichten», «Feierabend-Talk» oder «Anekdoten-Stammtisch». Die Methode selbst bleibt dabei unverändert: ein moderierter Raum, in dem Menschen ihre persönlichen Geschichten teilen – freiwillig, wertschätzend und ohne Bewertung. Und genau darin liegt ihre Stärke: Menschen kommen nicht, weil sie müssen – sondern weil sie etwas zu erzählen haben.

Lebensgeschichten zu hören ist ebenso wichtig wie sie zu erzählen. Erzählcafés setzen einen sanften Kreislauf in Gang, getragen von den Menschen, die daran teilnehmen. Seine zentralen Elemente sind Erinnerung, Erzählen und Zuhören.

 

Wer Erfahrungen teilt, gibt ein Stück von sich selbst weiter. Das stärkt das soziale und emotionale Wohlbefinden. Gleichzeitig werden wichtige Fähigkeiten gefördert, etwa Gedächtnis und sprachlichen Ausdruck.

Vor diesem Hintergrund freuen wir uns sehr über die Stärkung des Projekts «Erzählcafés mit älteren Menschen». Im Jahr 2025 erhielt der Verein Netzwerk Erzählcafé eine bedeutende Unterstützung durch Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Diese ermöglicht es uns nicht nur, die Methode weiterhin zu fördern und neue Projekte zu entwickeln, sondern gezielt Energie und Fachwissen in die Arbeit mit älteren Menschen zu investieren. Wir wissen, dass die positiven Effekte hier vielfältig sind: soziale Teilhabe (und damit die Bekämpfung von Isolation) sowie ganz allgemein eine höhere Lebensqualität.

Diese Unterstützung ist für uns nicht nur finanziell wichtig. Sie ist auch ein Zeichen der Anerkennung und bestärkt uns darin, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unser Dank gilt dabei besonders der wertvollen Arbeit der Co-Geschäftsleitung. In diesem Jahr gab es hier eine bedeutende Veränderung: Rhea Braunwalder, seit der Gründung des Vereins gemeinsam mit Marcello Martinoni Co-Geschäftsleiterin, hat ihre Funktion an Vanda Mathis übergeben. Ein herzliches Dankeschön an Rhea für ihr grosses Engagement in all den Jahren. Gleichzeitig heissen wir Vanda herzlich willkommen. Gemeinsam mit ihr, mit Marcello und dem gesamten operativen Team werden wir die nächsten Schritte gehen – mit Aufmerksamkeit für die grossen Projekte ebenso wie für die vielen kleinen Aufgaben im Alltag.

Michela Luraschi
Vorstandsmitglied Verein Netzwerk Erzählcafé

Zum Jahrerbericht 2025

 

Im Tessin entstehen seit einiger Zeit besondere Begegnungsräume, die mehr sind als eine Tasse Kaffee und ein paar Minuten Gespräch. Die Erzählcafés, getragen von verschiedenen Tageszentren im Kanton in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Erzählcafé, schaffen Begegnungen, die bleiben. Und sie zeigen, wie kraftvoll Erzählen und Zuhören sein kann.

Von Valentina Pallucca

Ein Erzählcafé ist kein Vortrag, kein Bühnenauftritt und kein Wettbewerb um die interessanteste Lebensgeschichte. Es ist ein runder Tisch, an dem Menschen zusammenkommen, die sich oft nie zuvor begegnet sind – und die doch rasch merken, dass sie mehr verbindet, als sie trennt. Es gibt keine Mikrofone, keine Bühne und keine Urteile: nur Zuhören, Respekt und Neugier. Moderiert wird zurückhaltend, gerade so viel, dass ein sicherer, respektvoller Rahmen entsteht. Die Geschichten sollen natürlich fliessen dürfen.

Viele berichten nach einem solchen Anlass, sie hätten überraschende Gemeinsamkeiten entdeckt oder seien mit neuen Perspektiven nach Hause gegangen. Manche erzählen sogar von Freundschaften, die im Erzählcafé ihren Anfang nahmen und später weitergewachsen sind. Und selbst wer nur zuhören möchte, ist ein wichtiger Teil des Ganzen. Gerade in einer hektischen Welt schaffen diese ruhigen Gesprächsräume eine Nähe, die sonst leicht verloren geht.

Ein gemeinschaftliches Engagement im Tessin

Dass die Tessiner Tageszentren die Initiative mit Begeisterung unterstützen, hat gute Gründe. Seit Jahren setzen sie sich dafür ein, soziale Teilhabe, Dialog und ein Gefühl von Verbundenheit zu ermöglichen – auch für Menschen mit moderatem Unterstützungsbedarf. Die Erzählcafés passen ideal in diesen Auftrag: Sie fördern Wohlbefinden, regen den Austausch an und stärken das Gefühl, gesehen und gehört zu werden. Nicht zuletzt deshalb werden sie auch vom kantonalen Gesundheitsamt im Rahmen des Aktionsprogramms von Gesundheitsförderung Schweiz 2025–2028 unterstützt – ein deutliches Zeichen für die Bedeutung niedrigschwelliger, gemeinschaftsfördernder Angebote im Kanton.

«Il filo che ci unisce» – ein Faden, der verbindet

Der aktuelle Veranstaltungszyklus trägt den Titel «Il filo che ci unisce» (der Faden, der uns verbindet). Jede Runde widmet sich einem anderen Thema, das Erinnerungen anstösst und Gespräche öffnet. Die Treffen stehen allen offen, nicht nur den Besuchenden der Tageszentren. Genau diese Durchmischung macht den besonderen Reiz aus: Wenn verschiedene Generationen, Biografien und Lebenswelten zusammenkommen, entsteht ein Gewebe aus Geschichten, das weit über den Anlass hinauswirkt.

Moderation, die Vertrauen schafft

Damit diese Räume gelingen, braucht es Menschen, die einfühlsam moderieren – präsent, aber nicht dominant. Im Dezember findet im Tageszentrum Casa Andreina in Lugano ein Einführungskurs statt, in dem Interessierte lernen, wie man Gesprächsrunden begleitet und eine Atmosphäre schafft, in der sich Menschen öffnen können.

Geschichten, die uns zusammenhalten

Wer an einem Erzählcafé teilnimmt, nimmt immer etwas mit: einen Satz, der nachhallt, ein gemeinsames Lachen, ein Wiedererkennen. Oder die stille Gewissheit, mit den eigenen Erinnerungen und Gedanken nicht allein zu sein. Eine Aussage aus dem Kreis der Teilnehmenden fasst es eindrücklich zusammen: «Le storie non solo si raccontano: si intrecciano e ci tengono uniti.» (Geschichten werden nicht nur erzählt – sie verweben sich, und sie halten uns zusammen).

Fernsehbeitrag: Ein lebendiger Einblick in die Arbeit des Netzwerks Erzählcafé im Tessin gibt die Sendung von Radiotelevisione Svizzera Italiana RSI.

Zum zehnjährigen Bestehen des Netzwerks Erzählcafé werfen wir einen Blick zurück auf die Ursprünge dieses besonderen Formats.

 

Von Evelyne Mertens*

In den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden die Erzählcafés in einem gesellschaftlichen Umfeld, das von tiefgreifenden Veränderungen geprägt war: Fortschritte in der politischen und rechtlichen Gleichstellung – etwa bei der Familienrechtsreform, den Frauenrechten oder dem Zugang zu Universitäten – schufen neue Freiräume. In Deutschland, Österreich und der Schweiz formierte sich eine aktive Zivilgesellschaft mit ökologischen, feministischen und pazifistischen Bewegungen, begleitet von bildungspolitischen Reformen. Ziel vieler Initiativen war es, den Geschichten der «kleinen Leute» eine Stimme zu geben – als Ausdruck kollektiver Selbstermächtigung.

Anfang der 1980er-Jahre entstanden in Deutschland und Österreich erste Projekte zum Austausch biografischer Erzählungen. Bereits 1978 trafen sich Bewohnerinnen und Bewohner des Recklinghausener Stadtteils Hochlarmark (Ruhrgebiet), um in Gesprächen, persönlichen Aufzeichnungen, Fotos und Archivmaterial die Geschichte ihres Quartiers zu rekonstruieren. Diese Treffen sollten ein besseres Zusammenleben und das Verständnis sozialer und kultureller Unterschiede fördern. Auch in Frankfurt am Main und Karlsruhe wurden Erzählcafés in partizipative Stadtentwicklungsprojekte integriert, um die Bedürfnisse der Bevölkerung kennenzulernen, lokales Wissen zu bewahren und die Menschen aktiv in Veränderungsprozesse einzubeziehen. Bald schon reichte die Idee über den historischen oder bildungspolitischen Rahmen hinaus – sie verband Gruppen aus Ost- und Westdeutschland in der Zeit der Wiedervereinigung.

Von Beginn an ging es beim biografischen Erzählen in Gruppen nicht nur um die Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern auch um das gegenseitige Verstehen, das Zuhören und den Blick nach vorne. Die Erzählcafés verstanden sich nie als therapeutisches Instrument, sondern als offene Räume, in denen jede und jeder erzählen und zuhören kann.

Im Frühjahr 1982 organisierte die Volkshochschule Ottakring in Zusammenarbeit mit der Universität Wien die Veranstaltungsreihe «Ich kam vom Land in die Stadt». In diesen intergenerationellen Gesprächsgruppen tauschten ältere Menschen und Studierende ihre persönlichen Geschichten aus – mit dem Ziel, die Vielfalt des Alltagslebens sichtbar zu machen. In mehreren Regionen Niederösterreichs richtete der Verein «Verein für erzählte Lebensgeschichte» bis 1988 neunzehn moderierte Gesprächsgruppen ein, die speziell älteren Frauen gewidmet waren. Am 5. September 1987 fand schliesslich im Berliner Stadtteil Wedding das erste Erzählcafé unter dieser Bezeichnung statt – initiiert von Sabine Gieschler und Andreas Lange als öffentliche Veranstaltung.

In den 1990er-Jahren etablierte sich der Begriff des biografischen Arbeitens. Erzählcafés und Gesprächskreise wurden zu zentralen Methoden dieser Praxis. Parallel dazu entwickelte sich die Oral History – eine «Geschichte von unten», die das Alltagswissen von Frauen, Arbeiterinnen und Arbeitern, ländlichen Gemeinschaften oder marginalisierten Gruppen ins Zentrum stellte. Diese Perspektive öffnete den Blick auf bislang verdrängte Erfahrungen, etwa auf das Leben unter dem Nationalsozialismus oder – in der Schweiz – auf das Schicksal der Verdingkinder, also der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen.

In der Schweiz entstanden die ersten Erzählcafés Anfang der 2000er-Jahre, inspiriert vom Berliner Modell. Getragen wurden sie von Ursula Caduff und Lisbeth Herger, die das Konzept anpassten, um insbesondere älteren und zurückgezogenen Menschen den Zugang zu sozialem Austausch zu erleichtern. Im Unterschied zu den frühen deutschen Formaten, die eher als öffentliche Gesprächsrunden konzipiert waren, legten sie den Fokus auf die aktive Beteiligung aller Anwesenden. Ursula Caduff betonte, dass der Austausch von Lebenserfahrungen in moderierten Begegnungen dazu beitragen könne, Vorurteile abzubauen und politisch instrumentalisierte Bilder zu hinterfragen.

Die in Erzählcafés geteilten Geschichten blieben nicht immer im vertraulichen Rahmen: Viele fanden den Weg in Publikationen oder Ausstellungen und trugen so zur kollektiven Erinnerung eines Quartiers, einer Gemeinde oder einer Region bei. Andere wiederum wurden bewusst vertraulich belassen, um die Offenheit der Teilnehmenden zu schützen. Das gemeinsame Erzählen besitzt ein starkes soziales Integrationspotenzial: Es verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebenswelten. Seit ihren Anfängen stehen die Erzählcafés für eine demokratische und menschliche Kultur des Dialogs, die sowohl das soziale Miteinander als auch das psychische Wohlbefinden fördert – gerade in einer vielfältigen Gesellschaft.

*Dieser Text in eine Zusammenfassung des Artikels «Erzählcafés, Gesprächskreise – Die Anfänge» von Johanna Kohn, Gert Dressel und Jessica Schnelle im Buch «Erzählcafés. Einblicke in Praxis und Theorie» (S. 30-43), Beltz, 2022.

Erzählcafés laden ältere Menschen ein, Erinnerungen zu teilen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Für Fachpersonen in der Altersarbeit bietet das Netzwerk Erzählcafé neue, praxisnahe Materialien, die bei der Planung und Durchführung solcher Runden unterstützen und zeigen, wie biografisches Erzählen den Alltag bereichern und das Wohlbefinden im Alter stärken kann.

 

Ältere Menschen tragen einen Schatz an Erfahrungen in sich – Geschichten, die gehört, geteilt und gewürdigt werden wollen. Mit den neu erarbeiteten Materialien unterstützt das Netzwerk Erzählcafé Institutionen, Moderierende und Interessierte dabei, diesen Schatz zu heben. Erzählcafés schaffen Raum für biografisches Erzählen und gegenseitiges Zuhören. Sie ermöglichen Begegnung, Sinn und Teilhabe – besonders dort, wo Routinen und Rückzug den Alltag prägen.

«Ein paar Stühle, ein Thema, eine offene Haltung –
mehr braucht es nicht, um Gemeinschaft entstehen zu lassen.»

Die neuen Publikationen fassen Wissen und Erfahrung aus Forschung und Praxis zusammen und unterstützen Fachpersonen, Freiwillige und Organisationen dabei, Erzählcafés als Teil einer sorgsamen Altersarbeit zu gestalten.

  • Argumentarium für Altersinstitutionen
    Das Argumentarium fasst die wichtigsten Gründe für Erzählcafés im Altersbereich zusammen. Es beschreibt, wie Erzählrunden Begegnung und Austausch fördern, biografische Reflexion ermöglichen und Einsamkeit vorbeugen können. Ergänzt wird es durch Hinweise zur praktischen Umsetzung im Heim- oder Quartierkontext.
  • Broschüre für Moderierende
    Diese praxisorientierte Broschüre richtet sich an angehende und erfahrene Moderierende. Sie vermittelt Hintergrundwissen über die Zielgruppe älterer Menschen, gibt Einblicke in den besonderen Charakter von Erzählcafés im Alter und enthält eine Checkliste für die Durchführung sowie Themenvorschläge, die Erinnerungen anregen und Gespräche eröffnen. Erfahrungsberichte zeigen, wie vielfältig und berührend Erzählcafés sein können.
  • Modellkonzepte für eine gelingende Umsetzung
    Diese Broschüre präsentiert fünf erprobte Modelle, wie Erzählcafés mit älteren Menschen in unterschiedlichen Kontexten umgesetzt werden können – von institutionellen Angeboten über zivilgesellschaftliche Initiativen bis hin zu kommunalen Projekten. Sie zeigt, welche Rahmenbedingungen eine nachhaltige Verankerung begünstigen, welche Ressourcen nötig sind und wie Kooperationen neue Synergien schaffen.

Erzählcafés sind mehr als Aktivierung: Sie schaffen Verbindung. Sie eröffnen Gesprächsräume, in denen Menschen sich selbst und andere neu entdecken – mit Geschichten, die bleiben.

Die Materialien wurden im Rahmen des Projekts «Erzählcafé und Alter» erarbeitet, unterstützt durch die Stiftungen Walder, Paul Schiller und Cornelius Knüpffer. Alle Materialien stehen kostenlos zum Download bereit:

«Erzählen über Sorgekulturen am Lebensende – SoKul» nennt sich ein partizipatives Forschungsprojekt des Instituts für Pflegewissenschaft der Uni Wien und des Vereins Sorgenetz. Menschen verschiedener Altersstufen haben in Erzählcafés persönliche Erfahrungen rund um Sterben, Tod und Trauer miteinander geteilt. Da kann man was erleben … Gert Dressel – Beirat des Netzwerks Erzählcafé -, Katharina Heimerl, Evelyn Hutter, Barbara Pichler und Elisabeth Reitinger vom Projektkernteam berichten darüber.

 

Wir geben es zu: Manche von uns waren vorher durchaus unsicher. Kann das gut gehen: In Erzählcafés über eigene Erfahrungen rund um Sterben, Tod und Trauer erzählen? Werden da nicht womöglich inzwischen verheilte Wunden wieder aufgerissen? Und wie agieren wir dann als Moderator:innen? Haben wir dafür überhaupt die Kompetenzen?

Und dann so etwas: Die ersten Erzählcafés finden im Wiener Caritaszentrum für Sozialberufe mit Schüler:innen der Fachsozialbetreuung-Altenarbeit, wie das in Österreich heisst, und im FH Campus Wien mit Studierenden der Gesunden- und Krankenpflege statt. Bevor sie selbst einmal die Moderationsrolle üben werden, erzählen die Schüler:innen und Studierenden über ihre Erfahrungen. Wir sind überrascht, bewegt und berührt, wie die jungen Menschen Erlebnisse und Geschichten zum Lebensende miteinander teilen: zum Beispiel über den frühen Tod des Bruders oder der besten Freundin oder übers Nicht-Trauern-Dürfen nach dem Versterben der Grossmutter. Es fliessen Tränen, die Schüler:innen und Studierenden zeigen einander mit100 kleinen und zugleich grossen Gesten, dass sie füreinander da sind. An anderen Stellen der Erzählcafés wiederum wird viel miteinander gelacht. Und auch wir, die moderieren, erzählen mit – und verdrücken die eine oder andere Träne. Wir schwingen mit. In der nachträglichen gemeinsamen Reflexion wird hervorgehoben, wie wertvoll, reinigend und verbindend diese gemeinsame Erzähl- und Zuhörerfahrung gewesen ist, und wie gut es tut, dass auch jenen, die ansonsten zuhören und Sorge geben, einmal zugehört wird.

Wie in einem Brennglas

Einzelne von uns moderieren schon seit vielen Jahren Erzählcafés und ähnliche narrative Formate. Aber wie nur selten sonst ist bei diesen Erzählcafés mit Geschichten rund ums Lebensende wie in einem Brennglas deutlich geworden, was Erzählcafé bewirken können.

Wir möchten kurz über Ulrike erzählen. Ulrike, die schon seit vielen Jahren in Pension ist, nimmt an einem der Erzählcafés teil. Lange ist Ulrike still, hört den Geschichten der anderen zu, um schliesslich mit bewegter Stimme sehr kurz über ein eigenes Erlebnis zu erzählen: «Mir ist mein dritter Sohn gestorben, mit zwei Monaten, und mein Problem bis heute: Ich durfte nicht trauern, man hat mir das Trauern verboten. Das ist schon fünfzig Jahre her. Es tut noch immer weh.» Im Nachklang meint Ulrike: «Ich war sehr überrascht, dass ich so offen über sehr persönliche Dinge gesprochen habe. (…) Ich habe gespürt, da ist eine Runde, die ist sehr achtsam, und da passiert mir nix Grausliches. Da war sehr viel liebevolles Tun und ein gutes Annehmen, und daher habe ich mich offensichtlich hervorgetraut.» Eine andere Teilnehmerin meinte, Erzählcafés seien ein «blamagefreier Raum».

In Erzählcafés bekommen die Erzählenden (zumindest ungefragt) keine Kommentare, Ratschläge oder Lösungsvorschläge, sondern es wird «nur» zugehört. Genau das spürte und schätzte Ulrike, denn ihr ging es gar nicht um das Finden einer Lösung, aber mit dem Erzählen und dem Gehört-werden konnte sich in ihr etwas lösen.

Weitere Infos auf der Projektwebsite

Film über SoKuL von Dorothea Kurteu

Das Projektteam dankt all seinen Kooperationspartner:innen und dem österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, das im Rahmen der Programmschiene OeAD – Sparkling Science 2.0 das Projekt von Oktober 2022 bis Oktober 2025 fördert.

Was passiert, wenn Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch kommen? Es entstehen Nähe, Verständnis – und neue Perspektiven. Genau das ist das Ziel unserer Beteiligung an der #vielfaltsinitiative des Migros-Kulturprozents.

Die Schweiz ist bunt. Das Land vereinigt unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Generationen und Lebensentwürfe – und doch leben viele Menschen eher nebeneinander als miteinander. Das will die #vielfaltsinitiative ändern.

Erzählcafés schaffen Raum für echte Begegnung. Im Zentrum stehen persönliche Erlebsnisse, zum Beispiel zum Thema Vielfalt: Wie sieht diese im Alltag aus? Wie erleben wir Unterschiedlichkeit? Was verbindet uns trotz aller Unterschiede? Welche Herausforderungen und Chancen bringen sie mit sich? Und was können wir voneinander lernen? Jede:r erzählt von den eigenen Erfahrungen, alle hören zu, ohne Vorurteile. Genau das macht das Erzählcafé so wertvoll.

Miteinander reden statt nebeneinander leben

Um das «Miteinander statt nebeneinander» zu fördern, lanciert der Migros Kulturprozent im Juni einen Wettbewerb, bei dem es 1’000 Gutscheine à 250 Franken zu gewinnen gibt. Samentüten mit QR-Code zum Wettbewerb liegen vom 9.-29. Juni in den Migros-Filialen auf.

Als eine der möglichen Aktivitäten organisieren die Gewinner:innen einen Austausch zum Thema Vielfalt im Alltag. Ob im Wohnzimmer mit Freund:innen, beim Apéro mit Nachbar:innen oder im öffentlichen Raum – jede Erzählcafé-Runde ist einzigartig. Das Besondere: Es braucht keine grosse Bühne, sondern nur Offenheit, Neugier – und vielleicht ein Stück Kuchen.

Mit Unterstützung zum eigenen Erzählcafé

Dank des Migros-Gutscheins können die Gastgeber:innen für das leibliche Wohl sorgen: Kaffee, Apéro oder Blumen auf dem Tisch – alles, was eine gute Atmosphäre schafft.

Neben dem Gutschein gibt es auch konkrete Hilfe bei der Durchführung: In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Erzählcafé wurde ein praktischer Leitfaden mit passenden Gesprächsfragen erarbeitet. Zudem können die Gewinner:innen an einer kostenlosen Online-Einführung teilnehmen, um Sicherheit im Ablauf und Inspiration für die Gesprächsgestaltung zu gewinnen.

Vielfalt beginnt im Gespräch. Mach mit – und bring Menschen zusammen!

Mehr Informationen

Rhea Braunwalder war seit 2017 massgeblich am Aufbau des Netzwerks Erzählcafé beteiligt – zunächst als Projektleiterin und Moderatorin, anschliessend bis März 2025 als Co-Geschäftsführerin. Im Interview mit Vanda Mathis blickt sie auf ihre Erfahrungen in dieser Zeit zurück.

Wie bist du zum Netzwerk Erzählcafé gekommen? Was hat dich damals motiviert, Teil dieses Projekts des Migros Kulturprozents zu werden?

Nach meinem Studium in Ethnologie habe ich mich 2017 beim Migros-Kulturprozent initiativ beworben, weil mich ihre Projekte im Bereich Soziales dynamisch, farbig und lebendig erschienen. Da in meinem Lebenslauf das Stichwort «Erzählcafés» aufgeführt war, luden sie mich für ein Gespräch ein, und stellten mir das Pilotprojekt «Netzwerk Erzählcafé» vor, von dem ich davor nie gehört hatte. So begann ein lehrreiches Praktikum mit Schwerpunkt im Projekt Erzählcafé. Meine erste Aufgabe war es, den Leitfaden «Erzählcafés veranstalten» mitzuverfassen, welches wir übrigens jetzt noch in erneuerter Auflage verwenden. Als das Praktikum fertig war, entschied ich mich für ein Mandat für die weitere Mitarbeit im Projekt.

Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst – welche Meilensteine waren aus deiner Sicht besonders wichtig für das Netzwerk?

Ein wichtiger Meilenstein war 2019 das erste Treffen der Romandie in Lausanne. Damit gelang es uns, den Schritt zum nationalen Netzwerk zu machen. Das Tessin kam 2020 dazu. Ein weiterer Meilenstein war 2023 die Publikation des Buches «Erzählcafés: Einblicke in Praxis und Theorie» unter Herausgeberschaft von Gert Dressel, Johanna Kohn und Jessica Schnelle.

Gab es bestimmte Wendepunkte oder Phasen des Umbruchs oder Aufbruchs?

Aufbruchsstimmung vermittelte uns die erste Finanzierung durch Gesundheitsförderung Schweiz 2020. Eine wichtige Anerkennung war für mich auch, als das Format Erzählcafé 2022 auf die Orientierungsliste der Kantonalen Aktionsprogramme Alter (KAP) aufgenommen wurde.

Inwiefern hat sich das Verständnis von «Erzählcafé» über die Jahre verändert?

Vor allem auch über das Buchprojekt habe ich gemerkt, dass es Varianten in der Durchführung von Erzählcafés im DACH-Raum gibt. Ich würde sagen, die schweizerische Ausprägung mit einem moderierten Erzählteil, gefolgt von einem informellen Kaffeeteil, wie es von Johanna Kohn gelehrt wird, hat sich im Netzwerk gefestigt. In den 10 Jahren des Bestehens des Netzwerks ist es uns gelungen, das Format in bestimmten Kreisen bekannter zu machen, obwohl in anderen Bereichen das Format noch gänzlich unbekannt bleibt.

Gibt es ein oder zwei besonders eindrückliche Momente oder Begegnungen, die dir bis heute in Erinnerung geblieben sind?

Eindrücklich war für mich das 5. Werkstattgespräch 2019, das wir zum Thema «Erzählen-Zuhören-Resonanz erfahren» veranstalteten. Mit der Einladung des renommierten Soziologen Hartmut Rosa zog das Netzwerk Teilnehmende aus der Schweiz, Österreich und Deutschland an. Dies führte zu viel Anerkennung und natürlich einem grossen Motivationsschub für das Team.

Was ich in meiner ganzen Zeit beim Netzwerk sehr geschätzt habe, ist die Zusammenarbeit im Team. Alle stehen mit Herzblut hinter der Sache. Dieses Engagement meiner Kolleginnen und Kollegen war für mich immer spürbar.

Was hat dich im Laufe der Zeit am meisten berührt oder inspiriert?

Wenn ich die ersten Jahresrückblicke anschaue – 2018 umfasste er drei Seiten, 2024 bereits 15 – dann wird mir bewusst, wie sehr wir gewachsen sind und was wir alles erreicht haben!

Welche Rolle spielt das Erzählen für dich persönlich – hat sich deine Sicht darauf verändert?

Erzählcafés sind ein eher langsames Format, es geht um biografisches Erzählen und wertfreies Zuhören. Jedes Mal, wenn ich das erleben durfte, wurde mir das Lernpotential bewusst: Man kann aus den Erfahrungen anderer viel für das eigene Leben mitnehmen. Die persönlichen Geschichten machen auch Konstanten deutlich, man erkennt sich in eigenen Erzählungen plötzlich wieder und sie legen viele individuelle Ressourcen offen. Diese Ressourcenorientierung ist für mich ein zentrales Merkmal von Erzählcafés: Wie hat jemand eine Situation bewältigt, wie erzählt sie davon?

Welche Herausforderungen sind dir in den Jahren begegnet – sei es im Netzwerk, in der Organisation oder bei einzelnen Erzählcafés?

Nicht ganz einfach ist die Frage, wie man die Bekanntheit des Formats Erzählcafé fördern kann. Wie und wo findet man Teilnehmende? Wie bringe ich Personen dazu, es einfach einmal auszuprobieren? Denn nur so lässt sich wirklich erleben, welches Potential das Format hat. Herausfordernd ist sicher auch der Übergang von einer vollständigen Finanzierung durch den Migros Kulturprozent zu einer eigenständigen finanziellen Basis. Dieser Prozess ist noch am Laufen.

Gab es auch Momente des Zweifelns oder Fragens – und was hat dich dann motiviert weiterzumachen?

Zweifel kommen schon auf, wenn jemand ein Erzählcafé organisiert – und es kommt niemand. Aber die vielen positiven Rückmeldungen, die es von gelungenen Erzählcafés gibt, motivieren uns weiterzumachen. Für mich persönlich blieb es spannend, weil ich immer wieder neue Dinge gefunden habe, die ich anders oder besser machen konnte.

Welche Wirkung hat das Projekt deiner Meinung nach auf die Teilnehmenden, aber auch auf die Gesellschaft?

Menschen haben ein Mitteilungsbedürfnis, und manche haben leider nicht wirklich gute Zuhörende im Umfeld. Das Erzählcafé gibt Teilnehmenden das Gefühl, gehört zu werden. Und die Teilnehmenden können viel voneinander für das eigene Leben lernen. Ich sehe Erzählcafés als eines von verschiedenen Formaten, die den Dialog und Austausch in einer Gesellschaft fördern können.

Was hat sich durch das Netzwerk in deinem beruflichen oder privaten Umfeld verändert?

Persönlich habe ich viel gelernt. Vor allem das nationale, dreisprachige Umfeld, die Weiterbildungen zur Erzählcafé und Art of Hosting Moderatorin und der Austausch mit verschiedenen Projekten des Migros-Kulturprozents haben meine berufliche Weiterentwicklung Richtung Soziales, Gesundheitsförderung und Freiwilligenarbeit stark geprägt.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Netzwerks?

Mit der Vereinsgründung 2022 war es zuerst wichtig, neue, zielführende Strukturen zu bilden. Die bestehen inzwischen und funktionieren gut. Für mich stellt sich nun die Frage nach der Rolle der Vereinsmitglieder: Sollen alle Aktivitäten von der Geschäftsstelle ausgehen oder wollen wir die Ressourcen unserer Mitglieder besser nutzen im Sinne von peer-to-peer, zum Beispiel für den Austausch von Erfahrungen, der Organisation von Veranstaltungen? Können wir von ihnen freiwilliges Engagement erwarten?

Gibt es etwas, das du anders machen würdest – mit dem Wissen von heute?

Mit dem Wissen von heute würden wir wohl nichts anders machen – aber schneller entscheiden. Manchmal hat es lange gebraucht, bis wir wussten, wie wir vorgehen wollten.

Gibt es etwas, das du dem Netzwerk oder den Menschen, die heute dazukommen, mitgeben möchtest?

Ich wünsche allen ein herzliches Willkommen und dass sie mit Erzählcafés Spass haben und vom Wissen im Netzwerk profitieren können. Es ist sehr lehrreich, wenn man sich gegenseitig in Erzählcafés besucht und danach gemeinsam reflektieren kann. Und auch, dass der internationale Austausch mit unseren Partnern in Deutschland und Österreich, der seit Beginn besteht, weitergeführt wird.